« Miguel Serdoura, the new prince of the lute. » Ernst Van Bek, Classiquenews.com, 2011, France

Review of the CD "Austria 1676"  : Gitarre & Laute, by Peter Päffgen


Von Peter Päffgen [ This e-mail address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. ]

Stimmt, Miguel Yisrael war hier schon Thema! Er ist der Herausgeber einer Reihe namens „La Rhétorique des Dieux“ bei Ut Orpheus, von der hier einige Einzeleditionen besprochen worden sind. Und er hat dort, bei Ut Orpheus, auch eine umfängliche Lautenschule herausgegeben, die hier noch Thema sein wird.

Jetzt spielt er, und zwar:

AUSTRIA 1676
Lute Music by Lauffensteiner and Weichenberger
Aufgenommen im Oktober 2011, erschienen 2012
BRILLIANT Classics94331
… weit entfernt von jeglichem Manierismus …


* * * * *

Miguel Yisrael, soviel vorweg, ist Portugiese … mindestens ist er dort, in Portugal, 1973 geboren. Gitarre und Laute hat er gelernt und studiert – Laute bei Claire Antonini am Conservatoire in Paris. Schließlich hat er – wie kann es anders sein – seine künstlerischen Weihen bei Hopkinson Smith an der Schola Cantorum Basiliensis erhalten.

Miguels neueste CD enthält Werke von Wolff Jacob Lauffensteiner (1676—1754) und Johann Georg Weichenberger (1676—1740). Im gleichen Jahr sind sie geboren … bei Steyr in Oberösterreich der eine – in Graz der andere. Und ihr Geburtsjahr, 1676, steht auch als eine Art Motto über dem Programm, das Miguel Yisrael anbietet.

Lauffensteiner und Weichenberger gehörten zu den letzten Lautenisten, die noch von ihrer Musik leben konnten und in Erinnerung geblieben sind. Ferdinand Ignaz Hinterleithner (1659—1710) kann man vielleicht noch dazuzählen, natürlich den großen Silvius Leopold Weiss (1687—1750), auch Karl Kohaut (1726—1784) … aber die guten Zeiten der Laute waren unwiderruflich vorbei.

Schon 1727 hatte sich Ernst Gottlieb Baron (1696—1760) gemüßigt gesehen, eine Streitschrift herauszubringen mit dem Ziel, „sein“ Instrument, die Laute, zu verteidigen (Historisch-Theoretisch und Practische Untersuchung des Intruments der Lauten) — das Bemühen blieb allerdings ohne Erfolg. Im Habsburgischen Wien wurde das Instrument noch ein paar Jahre geschätzt und hier sollte es im „Wiener Lautenkonzert“ auch noch eine neue Rolle zugewiesen bekommen. Karl Kohaut (1726—1784), der Lautenist Joseph Haydns, war verantwortlich für diese kammermusikalische Neuerung, die seit ein paar Jahren eine unerwartete Renaissance erlebt. Als aber 1802 Heinrich Christoph Koch in seinem Musikalischen Lexikon die Laute beschrieb, konnte er nur noch konstatieren, dass sie „seit geraumer Zeit in Vergessenheit zu sinken“ drohte

Aber wie gut muss die Musik von Lauffensteiner und Weichenberger – um sie geht hier schließlich – gewesen sein, wenn ihre Namen uns heute noch bekannt sind? Immerhin lebten and arbeiteten sie in einer Zeit, als sich (nicht nur) für die Musik revolutionäre Veränderungen ankündigten und in der die verschiedensten Tendenzen sich gegenseitig abzugrenzen versuchten. Das generalbassorientierte Barock ging einem Ende zu und experimentiert wurde zunehmend mit Galantem und mit Formaten, die wir später „klassisch“ nannten und die für hundert Jahre und länger bestimmend sein sollten.

Miguel Yisrael spielt die spannende Musik von Wolff Jacob Lauffensteiner und Johann Georg Weichenberger eher eloquent als französisch, eher fließend als dramatisch. Was das Dramatisieren dieser Musik angeht, kann man darüber freilich geteilter Meinung sein. Das endlose Auskosten von Vorhalten, das Übersteigern der Inégalité bis hin zum permanenten Punktieren und dann das Überpunktieren, das man oft in französischen Ouvertüren hört … diese Manieren produzieren Spannung, sie können aber auch zu nervenden Stereotypen mutieren. Miguel Yisrael ist weit entfernt davon, solchen interpretatorischen Modellen zu frönen. Nicht einmal das sehr eindrucksvolle Tombeau zu Eingang der Partita C-moll, spielt er „französisch“, obwohl es einem gerade in Stücken dieser Tradition, mehr als nahe läge. Nein, Yisrael zieht seinen unaufgeregten Stil durch, weit entfernt von jeglichem Manierismus. Das nimmt ihm zwar die Chance auf den einen oder anderen Effekt, ist aber ob seiner Konsequenz mehr als überzeugend.

Miguel Yisraels CD mit österreichischer Lautenmusik des 18. Jahrhunderts empfiehlt ihn jedenfalls für Weiteres!

Foto: © Jean-Baptiste Millot 2011

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